Fahr mal an einem Dienstagnachmittag durch eine deutsche Mittelstadt. Nicht Samstag. Dienstag. 14 Uhr. Du wirst sehen: leere Bänke, geschlossene Rollläden, ein Dönerladen, ein Nagelstudio und viel, viel Leerstand.
Das ist kein Gefühl. Das sind Zahlen. Laut dem Handelsverband Deutschland (HDE) hat die Passantenfrequenz in deutschen Innenstädten seit 2019 um rund 30% abgenommen. Nicht in Randlagen — in den Fußgängerzonen. Im Herzen der Stadt. Dort wo früher Kaufhäuser standen, Familien flanierten und Händler ihren Umsatz machten.
Und es wird schlimmer. Das IFH Köln prognostiziert, dass bis 2030 weitere 40.000 Geschäfte in deutschen Innenstädten schließen werden. Der Leerstand liegt in vielen Mittelstädten bereits bei über 10%. In manchen Lagen bei 20%.
Die Frage ist nicht mehr ob die Innenstadt stirbt. Die Frage ist: Wer tut etwas dagegen? Und hier wird es interessant. Denn Filialisten — genau die, die oft als Teil des Problems gesehen werden — könnten Teil der Lösung sein.
Warum die Innenstadt stirbt (und warum es nicht nur an Amazon liegt)
Der einfache Reflex: Amazon ist schuld. E-Commerce frisst den stationären Handel. Und ja, der Onlinehandel hat seinen Anteil. Laut dem HDE liegt der E-Commerce-Anteil am Einzelhandelsumsatz 2025 bei über 16%. In Kategorien wie Elektronik, Mode und Bücher sogar bei über 40%.
Aber E-Commerce allein erklärt den Frequenzverlust nicht. Denn 84% des Einzelhandelsumsatzes werden immer noch stationär gemacht. Die Leute kaufen weiterhin offline — nur nicht mehr in der Innenstadt.
Die wahren Ursachen sind komplexer:
- Steigende Mieten: Inhabergeführte Geschäfte können sich die Innenstadtlagen nicht mehr leisten. Was bleibt: Ketten, die sich die Miete teilen können — oder Leerstand.
- Fehlende Erlebnisse: Warum sollte jemand in die Innenstadt fahren, wenn er dort dasselbe findet wie im Internet — nur mit Parkplatzsuche? Die Innenstadt hat ihr Alleinstellungsmerkmal verloren.
- Verkehrspolitik: Autofreie Zonen sind gut für die Lebensqualität, aber schlecht für die Erreichbarkeit. Wer aus dem Umland kommt, fährt lieber zum Fachmarktzentrum auf der grünen Wiese.
- Pandemie-Nachwirkungen: Homeoffice hat die Mittagspausenfrequenz dauerhaft reduziert. Die Büros in der Innenstadt sind halbleer — und damit auch die Restaurants und Geschäfte drumherum.
Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: Weniger Frequenz führt zu weniger Umsatz. Weniger Umsatz führt zu Ladenschließungen. Ladenschließungen führen zu mehr Leerstand. Mehr Leerstand führt zu weniger Frequenz. Und so weiter.
Filialisten als Teil des Problems — und der Lösung
Filialisten haben einen schlechten Ruf wenn es um Innenstädte geht. Der Vorwurf: Sie verdrängen inhabergeführte Geschäfte, sie machen alle Fußgängerzonen gleich, sie haben kein Interesse an der lokalen Gemeinschaft.
Teilweise stimmt das. Eine Innenstadt mit nur H&M, dm und Deichmann hat wenig Charakter. Aber der Vorwurf greift zu kurz. Denn ohne Filialisten wären viele Innenstädte noch leerer. Sie sind oft die letzten Frequenzbringer in Lagen, die inhabergeführte Geschäfte längst verlassen haben.
Die Frage ist nicht: Filialisten ja oder nein? Die Frage ist: Wie werden Filialisten zu aktiven Partnern der Innenstadtentwicklung statt zu passiven Mietflächennutzern?
Und dafür gibt es konkrete Ansätze. Fünf davon funktionieren schon heute — wenn man will.
1. Werbegemeinschaften und BIDs: Gemeinsam statt einsam
Business Improvement Districts (BIDs) sind das wahrscheinlich wirksamste Instrument zur Innenstadtbelebung. Das Prinzip: Alle Grundeigentümer und Gewerbetreibende in einem definierten Gebiet zahlen in einen gemeinsamen Topf. Aus diesem Topf werden Maßnahmen finanziert — Sauberkeit, Beleuchtung, Events, Marketing.
Hamburg ist Vorreiter. Über 25 aktive BIDs, messbare Ergebnisse: weniger Leerstand, höhere Frequenz, zufriedenere Händler. Das Neuer Wall BID hat den Leerstand in der Luxuslage auf unter 2% gedrückt — in einer Zeit, in der vergleichbare Lagen in anderen Städten zweistellige Leerstandsquoten haben.
Für Filialisten ist das eine Chance. Du hast das Budget, du hast die Marke, du hast die Infrastruktur. Wenn du dich aktiv in ein BID einbringst, profitierst du doppelt: von der gemeinsamen Standortaufwertung und von der positiven Wahrnehmung als lokaler Partner.
Und es muss nicht gleich ein formales BID sein. Auch klassische Werbegemeinschaften — Zusammenschlüsse lokaler Händler für gemeinsames Marketing — funktionieren. In Mannheim gibt es die Werbegemeinschaft Planken, die regelmäßig verkaufsoffene Sonntage, Stadtteilfeste und saisonale Aktionen organisiert. Die Filialisten die mitmachen, berichten von 15-25% höherer Frequenz an Aktionstagen.
2. City Apps und digitale Loyalty: Die Innenstadt als Plattform
Wenn der lokale Handel kaputt ist, braucht er neue Werkzeuge. Eine der spannendsten Entwicklungen: City Apps. Digitale Plattformen die alle Angebote einer Innenstadt bündeln — Geschäfte, Gastronomie, Events, Parkplätze, Gutscheine.
Dortmund macht es vor. Die App "Mein Dortmund" verbindet lokale Händler mit Konsumenten. Digitale Stempelkarten, exklusive Angebote, Event-Kalender. Die Ergebnisse: über 50.000 aktive Nutzer, durchschnittlich 3 Innenstadtbesuche pro Monat und Nutzer.
Für Filialisten ist das Gold. Du kannst deine nationalen Kampagnen mit lokalen Angeboten in der City App verknüpfen. Du kannst deine Treue-Kunden in die Innenstadt ziehen — und gleichzeitig von den Kunden der anderen teilnehmenden Händler profitieren.
Der Schlüssel: Offene Systeme statt geschlossene Silos. Eine Loyalty-Karte nur für deine Filiale bringt wenig. Eine City Card die bei allen Händlern funktioniert, bringt alle weiter. Das erfordert Kooperation — aber genau darum geht es.
3. Events: Erlebnisse schaffen, die das Internet nicht kann
Warum gehen Menschen ins Stadion statt den Stream zu schauen? Wegen des Erlebnisses. Wegen der Atmosphäre. Wegen der anderen Menschen. Genau das muss die Innenstadt bieten.
Und hier können Filialisten ihre Stärken ausspielen. Du hast Flächen. Du hast Markenbekanntheit. Du hast Budgets. Nutze sie für Events die Leute anziehen — nicht nur in deinen Laden, sondern in die gesamte Innenstadt.
Konkrete Beispiele die funktionieren:
- Late-Night-Shopping mit Live-Musik und Streetfood — nicht allein, sondern zusammen mit 20 anderen Händlern in der Fußgängerzone.
- Pop-up-Events in leerstehenden Flächen: Kunst, Start-ups, lokale Produzenten. Filialisten sponsern, profitieren von der Frequenz.
- Saisonale Aktionen: Wintermarkt, Sommernachtskino, Ostermarkt — aber nicht als Einzelkämpfer, sondern als Gemeinschaft.
Konstanz macht das besonders gut. Die "Konstanzer Einkaufsnacht" bringt regelmäßig über 30.000 Besucher in die Innenstadt. Filialisten wie Thalia, SportScheck und dm sind aktive Partner — mit eigenen Aktionen in ihren Filialen, die in das Gesamtprogramm eingebettet sind.
4. Click and Collect: Online-Traffic in die Innenstadt leiten
Hier liegt ein riesiges Potenzial das die meisten Filialisten verschlafen. Click and Collect — online bestellen, in der Filiale abholen — ist nicht nur ein Convenience-Feature. Es ist ein Frequenzgenerator.
Laut einer Studie des IFH Köln tätigen 60% der Click-and-Collect-Kunden bei der Abholung einen zusätzlichen Kauf. Nicht nur in der Filiale selbst — auch in umliegenden Geschäften. Ein Kunde der seinen Online-Kauf bei dm abholt, geht danach noch zum Bäcker und schaut bei Thalia rein.
Für die Innenstadt bedeutet das: Jede Click-and-Collect-Bestellung ist ein Besuch. Und jeder Besuch ist eine Chance für alle Händler in der Umgebung. Wenn Filialisten ihre Online-Kanäle nutzen, um Menschen physisch in die Innenstadt zu bringen, profitiert das gesamte Ökosystem.
Die Voraussetzung: Gute Erreichbarkeit und eine Abholung die Spaß macht statt nervt. Niemand kommt wieder wenn er 20 Minuten an der Kasse warten muss.
5. Kooperation statt Konkurrenz: Das Mindset ändern
Das ist der schwierigste Punkt. Und der wichtigste.
Filialisten denken in Marktanteilen. Der dm nebenan ist die Konkurrenz von Rossmann. Der Deichmann ist die Konkurrenz von Reno. Das stimmt — auf nationaler Ebene. Aber auf lokaler Ebene ist der eigentliche Konkurrent nicht der andere Filialist. Der eigentliche Konkurrent ist das Sofa.
Solange Menschen lieber zuhause bleiben als in die Innenstadt zu fahren, verlieren alle. Der dm und der Rossmann. Der Bäcker und der Optiker. Die Gastronomie und der Einzelhandel. Das Problem ist nicht der Wettbewerb untereinander — das Problem ist die fehlende Frequenz.
Und Frequenz erzeugt man nicht allein. Frequenz erzeugt man gemeinsam. Durch gemeinsames Marketing, gemeinsame Events, gemeinsame Daten, gemeinsame Ziele.
Das erfordert ein Umdenken in den Zentralen. Nicht jede lokale Kooperation muss von der Rechtsabteilung genehmigt werden. Nicht jede gemeinsame Aktion muss "on brand" sein. Manchmal reicht es, einfach mitzumachen — als guter Nachbar statt als globale Marke.
Was das für deine Filialstrategie bedeutet
Wenn du Marketing für ein Filialnetz verantwortest, denk nicht nur an deine eigenen vier Wände. Denk an den Standort. Denn dein Standort ist dein Schicksal. Wenn die Innenstadt um deine Filiale herum stirbt, stirbt auch dein Umsatz — egal wie gut dein Google Business Profil ist.
Fünf konkrete Schritte:
- Werbegemeinschaft beitreten — oder eine gründen. In jeder Stadt gibt es Initiativen. Wenn nicht: Sei der Initiator.
- Budget für lokale Kooperationen reservieren. Nicht viel — 500-1.000 Euro pro Standort pro Quartal reichen für den Anfang.
- Click and Collect als strategisches Frequenz-Tool nutzen, nicht nur als Logistik-Feature.
- Lokale Events aktiv mitgestalten statt nur Plakate aufzuhängen.
- Daten teilen — anonymisiert, im Rahmen von City Apps oder gemeinsamen Loyalty-Programmen.
Die Innenstadt stirbt nicht weil niemand mehr einkaufen will. Sie stirbt weil zu viele Akteure nur an sich selbst denken. Filialisten die das ändern — die in den Standort investieren statt nur in die eigene Fläche — werden am Ende die Gewinner sein. Weil sie in einer lebendigen Innenstadt stehen statt in einer toten.
Weiterlesen: Lokales Marketing ist kaputt · Warum lokal einkaufen? · Wie bekommen wir Menschen zurück in die Fußgängerzonen?
Quellen
- HDE — Handelsverband Deutschland: Innenstadtfrequenz seit 2019 um ca. 30% gesunken. Leerstandsquote in Mittelstädten über 10%.
- IFH Köln — Vitale Innenstädte 2025: Prognose von 40.000 weiteren Geschäftsschließungen bis 2030. 60% der Click-and-Collect-Kunden tätigen Zusatzkäufe.
- BID Deutschland: Übersicht über Business Improvement Districts in Hamburg und anderen Städten. Neuer Wall BID mit unter 2% Leerstand.
- Google — Think with Google: 76% der lokalen Suchen führen innerhalb von 24 Stunden zu einem Ladenbesuch.