Wenn du bei der Bäcker-Filiale um die Ecke ein Brot kaufst, denkst du wahrscheinlich nicht an Arbeitsplätze. Du denkst an Frühstück. Aber hinter diesem einen Brot steckt ein Wirtschaftskreislauf, den die meisten nie sehen.
Die 15 Mitarbeiter in der Filiale sind nur der Anfang. Der Bäcker bezieht sein Mehl von einer regionalen Mühle — dort arbeiten Menschen. Die Mühle kauft das Getreide von Landwirten aus der Umgebung — dort arbeiten Menschen. Die Reinigungsfirma, die jeden Abend den Laden putzt — dort arbeiten Menschen. Der Steuerberater, der Handwerker, der Kassenlieferant, die Spedition.
1 Filialstandort. 15 direkte Mitarbeiter. Über 40 indirekte und induzierte Arbeitsplätze. Das ist keine Schätzung — das ist der Multiplikatoreffekt, und er ist messbar.
Was der Multiplikatoreffekt ist — und warum er dich betrifft
Der Multiplikatoreffekt beschreibt ein simples Prinzip: Geld das lokal ausgegeben wird, bleibt nicht bei einem Empfänger. Es zirkuliert. Und bei jeder Zirkulation entsteht wirtschaftliche Aktivität.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Eine Franchise-Bäckerei in einer deutschen Mittelstadt. 15 Mitarbeiter, 1,2 Millionen Euro Jahresumsatz. Was passiert mit diesem Geld?
- Löhne und Gehälter (ca. 35%): 420.000 Euro fließen an die 15 Mitarbeiter. Die geben einen Großteil davon vor Ort aus — Miete, Einkäufe, Freizeit. Geld, das in der Region bleibt.
- Wareneinkauf (ca. 30%): 360.000 Euro für Mehl, Butter, Eier, Verpackungen. Bei regionaler Beschaffung bleibt ein großer Teil davon in der lokalen Wirtschaft.
- Miete (ca. 10%): 120.000 Euro an den Vermieter. Der zahlt davon Steuern, Instandhaltung, Verwaltung — alles lokale Wertschöpfung.
- Dienstleister (ca. 10%): 120.000 Euro für Reinigung, IT, Steuerberatung, Handwerker, Marketing.
- Steuern und Abgaben (ca. 15%): 180.000 Euro an Gemeinde, Land und Bund. Die Gewerbesteuer bleibt in der Kommune — und finanziert Schulen, Straßen, Infrastruktur.
Jetzt rechne nach: Von den 1,2 Millionen Euro Umsatz bleiben je nach Lieferantenstruktur 600.000 bis 850.000 Euro direkt in der Region. Und jeder dieser Euros wird erneut ausgegeben — von den Mitarbeitern, den Lieferanten, den Dienstleistern. Das ist der Multiplikator.
Die konkrete Rechnung: Von 15 auf 40+ Arbeitsplätze
Das IFH Köln hat den Multiplikatoreffekt für den deutschen Einzelhandel untersucht. Das Ergebnis: Jeder direkte Arbeitsplatz im stationären Einzelhandel erzeugt durchschnittlich 1,7 bis 2,8 weitere Arbeitsplätze in der Region — je nach Branche und Grad der lokalen Beschaffung.
Für unsere Bäckerei-Filiale mit 15 Mitarbeitern bedeutet das:
- Direkte Arbeitsplätze: 15 (in der Filiale selbst)
- Indirekte Arbeitsplätze: ca. 18-25 (bei Zulieferern, Dienstleistern, Handwerkern)
- Induzierte Arbeitsplätze: ca. 8-12 (durch den Konsum der direkt und indirekt Beschäftigten)
- Summe: 41-52 Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt von diesem einen Standort abhängen.
Bei einem Filialnetz mit 200 Standorten sprechen wir also nicht von 3.000 Mitarbeitern. Wir sprechen von 8.000 bis 10.000 Menschen, deren Arbeitsplatz an dieses Netz gekoppelt ist. Das ist ein kleines Unternehmen pro Stadt. Unsichtbar, aber real.
Online vs. Stationär: Wo bleibt das Geld wirklich?
Hier wird es spannend — und politisch. Denn der Multiplikatoreffekt unterscheidet sich fundamental zwischen stationärem und Online-Handel.
Wenn du bei Amazon bestellst, fließt der größte Teil deines Geldes an ein Unternehmen mit Hauptsitz in den USA und Logistikzentren in Randlagen. Die lokale Wertschöpfung? Minimal. Laut Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bleiben beim Online-Kauf nur 5-15% der Wertschöpfung in der Region des Käufers.
Beim stationären Einkauf sind es 50-70%. Das ist nicht dreimal mehr. Das ist fünfmal mehr. Jeder Euro den du lokal statt online ausgibst, hat die fünffache Wirkung auf deine Region.
Für Filialisten ist das ein Argument, das sie viel zu selten nutzen. Wenn du lokales Marketing machst, verkaufst du nicht nur Produkte. Du verkaufst einen Beitrag zur lokalen Wirtschaft. Das ist kein Gutmenschen-Argument — das ist ein handfester Wettbewerbsvorteil gegenüber dem reinen Online-Handel.
Die Gewerbesteuer: Was Filialisten für die Gemeinde leisten
Ein Aspekt der in der Debatte um Innenstädte oft untergeht: Gewerbesteuer. Jeder Filialstandort zahlt Gewerbesteuer in der Gemeinde, in der er seinen Sitz hat. Und diese Steuer finanziert direkt die kommunale Infrastruktur.
Für unsere Bäckerei-Filiale mit 1,2 Millionen Euro Umsatz und einem geschätzten Gewinn von 60.000-80.000 Euro fällt bei einem durchschnittlichen Hebesatz von 400% eine Gewerbesteuer von ca. 8.000-11.000 Euro pro Jahr an.
Klingt wenig? Rechne es auf ein Filialnetz hoch. 200 Standorte mal 10.000 Euro Gewerbesteuer = 2 Millionen Euro pro Jahr. In die Gemeinden. Für Schulen, Kindergärten, Straßen, Schwimmbäder. Jeder Standort der schließt, ist ein Stück weniger Infrastruktur für die Kommune.
Und es geht über die Gewerbesteuer hinaus. Die Lohnsteuer der 15 Mitarbeiter, die Sozialversicherungsbeiträge, die Umsatzsteuer — alles Einnahmen die entstehen weil dieser eine Standort existiert.
Warum Filialisten dieses Argument nutzen sollten
Hier kommen wir zum Marketing. Denn der Multiplikatoreffekt ist nicht nur eine volkswirtschaftliche Kennzahl. Er ist ein Kommunikationsargument.
Stell dir eine Kampagne vor: "Wenn du bei uns einkaufst, sicherst du über 40 Arbeitsplätze in deiner Stadt." Das ist kein leeres Versprechen. Das ist eine Tatsache. Und es ist ein Argument, dem Amazon nichts entgegensetzen kann.
Verbraucher reagieren auf solche Botschaften. Laut einer Studie von Deloitte sagen 64% der deutschen Konsumenten, dass ihnen die lokale Herkunft von Produkten und Dienstleistungen wichtig ist. 43% sind bereit, dafür mehr zu bezahlen. Das Problem: Die meisten wissen nicht, welchen konkreten Impact ihr lokaler Einkauf hat.
Filialisten können das ändern. Nicht mit abstrakten Appellen ("Kauft lokal!"), sondern mit konkreten Zahlen. Wie viele Mitarbeiter hat dieser Standort? Wie viele Lieferanten aus der Region? Wie viel Gewerbesteuer fließt in die Gemeinde? Transparenz schafft Bindung.
Der Kreislauf funktioniert nur, wenn er sich dreht
Das Entscheidende am Multiplikatoreffekt: Er funktioniert nur, solange Geld in der Region zirkuliert. Jeder Euro der abfließt — an einen Online-Händler, an einen Lieferanten am anderen Ende der Welt, an eine Steueroase — fehlt im lokalen Kreislauf.
Deshalb ist lokale Beschaffung so wichtig. Wenn deine Bäckerei-Filiale ihr Mehl aus der Region bezieht statt aus dem Ausland, steigt der Multiplikator. Wenn sie lokale Handwerker beauftragt statt eine überregionale Kette, steigt der Multiplikator. Wenn sie ihre Werbung bei der lokalen Agentur schaltet statt alles zentral zu machen, steigt der Multiplikator.
Für Franchise-Geber heißt das: Denkt bei der Beschaffung nicht nur an Kosten. Denkt an die Wirkung auf den Standort. Denn ein starker Standort ist ein starker Markt. Und ein starker Markt ist ein guter Standort für eine Filiale.
Was das für dich bedeutet
Der unsichtbare Wirtschaftskreislauf ist das stärkste Argument für lokalen Konsum. Stärker als Nachhaltigkeit, stärker als Nostalgie, stärker als "Support your local dealer"-Aufkleber. Weil er konkret ist. Messbar. Nachvollziehbar.
Drei Dinge, die du sofort tun kannst:
- Rechne den Multiplikator für dein Netz aus. Wie viele direkte und indirekte Arbeitsplätze hängen an deinen Standorten? Das IFH Köln bietet Studien und Tools dafür.
- Kommuniziere die Zahlen. Auf deiner Website, in deinem Google Business Profil, in deinen lokalen Kampagnen. "Dieser Standort sichert 40+ Arbeitsplätze in deiner Stadt."
- Maximiere den lokalen Anteil. Prüfe bei Beschaffung und Dienstleistern, ob regionale Alternativen existieren. Jeder Euro mehr in der Region erhöht den Multiplikator.
Der Wirtschaftskreislauf ist unsichtbar. Aber seine Wirkung ist es nicht. Und Filialisten die ihn verstehen — und kommunizieren — haben ein Argument, das kein Online-Händler der Welt entkräften kann.
Weiterlesen: Lokales Marketing ist kaputt · Warum lokal einkaufen? · Nationales Budget, lokaler Impact
Quellen
- IFH Köln — Studien zur Handelslandschaft: Multiplikatoreffekt im stationären Einzelhandel: 1,7-2,8 zusätzliche Arbeitsplätze pro direktem Arbeitsplatz.
- DIW Berlin — Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: Vergleich der lokalen Wertschöpfung Online vs. Stationär: 5-15% vs. 50-70% regionale Wertschöpfung.
- Deloitte Consumer Study Deutschland: 64% der Konsumenten bevorzugen lokale Herkunft. 43% sind bereit, dafür mehr zu bezahlen.
- HDE — Handelsverband Deutschland: Beschäftigungsdaten im deutschen Einzelhandel und Gewerbesteuer-Statistiken.